Dortmund. Der heutige 12. Mai 2007 wird in die Geschichte des Ballsportvereins Borussia aus Dortmund (kurz: BVB) eingehen. Nach einer mäßigen Hinrunde wurde Coach Bert van Marwijk in der Winterpause gefeuert. Ersetzt wurde er durch Jürgen Röber, dem jedoch immer das Damoklesschwert der geplanten Verpflichtung von Thomas van Heesen über dem Kopf schwebte.
Jürgen Röber - ein erfolgloser Trainer?
“Erst hatten wir kein Glück, dann kam auch noch Pech hinzu” - so könnte man das Kapitel Röber im BVB-Jahrbuch 2007 betiteln, denn die personellen Ausfälle (Krankheiten, Sperren) sorgten nach einem furiosen Saisonbeginn (der BVB gewann gegen den amtierenden Meister FC Bayern München) für eine Serie von Pleitespielen.
Nach dem (mal wieder) verlorenen Auswärtsspiel gegen den VfL Bochum belagerten sogar wieder BVB-Fans den Mannschaftsbus und die Borussen konnten erst nach einer Diskussion mit den Fans (die mit dem gemeinsamen Singen des Vereinsliedes ‘Wir halten treu und fest zusammen’ endete) ihre Fahrt gen Dortmund aufnehmen.
Doch all das ist jetzt vergessen - in Dortmund wird gefeiert, als ob man die zweite deutsche Meisterschaft in diesem Jahrtausend gewonnen hätte. Das ist jedoch nicht der Fall am heutigen vorletzten Spieltag der Saison gewesen, denn der BVB hat heute “nur” aus eigener Kraft den Abstieg in die zweite Liga verhindert. Auch wenn dies das erste so richtig überzeugende Spiel in dieser Saison war sangen fast 80.000 Mann im natürlich ausverkauften Signal-Iduna-Park “Oh wie ist das schön” und “So ein Tag, so wunderschön wie heute” und feierten nach dem Spiel sowohl den doppelten Torschützen Nelson Valdez, der seine ersten Treffer für die Schwarz-Gelben erzielte als auch Trainer Jürgen Röber, der an Valdez festhielt.
Ein Spiel gewonnen und die Fans sind begeistert?
Sollte sich jemand darüber wundern, daß die kritischen BVB-Anhänger sich nur durch ein einziges gewonnenes Spiel begeistern lassen, muß den besonderen Kontext beachten: Am heutigen Samstag war der FC Schalke 04 zu Gast - der ewige Konkurrent aus dem nahegelegenen Gelsenkirchen. Ein Revier-Derby zwischen dem BVB und S04 sorgt immer für eine hitzige Atmosphäre und die “Frontlinien” der Fans ziehen sich durch ganze Städte, Büros und sogar Familien. Schalke 04 kam als klarer Favorit nach Dortmund: Der Tabellenführer hat schon in der Hinrunde das Revier-Derby dominiert und gewonnen und alleine schon von der Tabellensituation war Schalke der geborene Favorit für dieses Spiel. Doch für den BVB ging es nicht nur um die Ehre im Revier-Derby sondern auch handfest darum einen Abstieg in die zweite Bundesliga zu verhindern, denn wenn die Borussen das Spiel verloren hätten, wäre ein Verbleib in der ersten Bundesliga aus eigener Kraft nicht mehr möglich gewesen…
Der Spielverlauf
Hitzig begann das Spiel schon als Nobbi Dickel, der Stadionsprecher im Signal-Iduna-Park, den DFB-Präsidenten Theo Zwanziger begrüßte. Dieser hatte etwas unklug im Vorfeld im Interview erklärt, daß er sich freuen würde, wenn Schalke zum ersten Mal seit Jahrzehnten Deutscher Meister wird und er gerne persönlich gratulieren würde. Nicht das dies nicht Aufgabe des DFB-Präsidenten ist - aber dieses Interview und die Ankündigung des Besuches in Dortmund ließ doch die BVB-Anhänger aufheulen. Als dann auch noch ein großer Teil der rund 2.000 mitgereisten Schalke-Anhänger gelbe Taschentücher hervorzog, um die (Krokodils-)Tränen zu trocknen (und damit auf das gestohlene schwarz-gelbe Banner der Südtribüne anspielte), war die Stimmung dem Siedepunkt nah.
Das alles schon vor Spielbeginn - und nachdem Kevin Kuranyi in der 3. Minute schon das erste Tor schoß, was jedoch aufgrund eines klaren Abseits nicht gewertet wurde, war klar, daß es in diesem Spiel hochher gehen würde. 10 Minuten später gelang dann doch der erste Treffer für die Königsblauen, denn Lincoln umtänzelte seinen brasilianischen Freund und BVB-Verteidiger Dede so gekonnt und konnte einen Distanzschuß im Tor von Roman Weidenfeller versenken, der absolut unhaltbar war. Auf der Blitztabelle war damit Schalke der neue Meister und der BVB de facto abgestiegen.
Die Schwarz-Gelben versanken jedoch nicht in Trauer sondern kämpften sich weiter vor das Schalker Tor vor. Erst in der 35. Minute jedoch konnte endlich der BVB durch einen Treffer von Alexander Frei ausgleichen, was vor allem daran lag, daß der Schalke-Torwart Manuel Neuer hier nicht wirklich aufgepasst hatte. Nach dem Ausgleich spielten die Dortmunder wieder souveräner und konnten auch wieder etwas defensiver spielen - ein Punkt war ja schon auf dem Konto.
Die nächsten 30 Minuten sollten die (ersten) Minuten des Nelson Valdez werden:
Zweimal versiebte er sogenannte 100%-Chancen und dann legte er sich - vormutlich aus Torflautenfrust - in einer körperbetonten Situation mit Manuel Neuer so an, daß der Schiedsrichter die gelbe Karte zog. Dies sorgte dafür, daß er - nachdem er in der 44. Minute nicht auf seinen komplett frei stehenden Stürmerkollegen Ebi Smolarek abspielte sondern selber erfolglos einen Torschuß unternahm - mit “Valdez raus”-Rufen von einigen BVB-Fans in die Halbzeitpause geschickt wurde.
Die zweite Halbzeit
Sowohl Mirko Slomka, der vor kurzem dann doch noch seinen Trainervertrag verlängert hatte, als auch Jürgen Röber schickten ihre Teams unverändert aus der Kabine auf den grünen Rasen. Änderungen waren vor allem beim BVB erwartet worden, da Nelson Valdez schon wieder stark rotgefährdet war. Doch sollte sich dieser Schachzug Röbers lohnen, denn nach einem Freistoß von Nuri Sahin konnte Nelson Valdez in der 51. Minute sein erstes Tor im BVB-Dress erzielen und Borussia Dortmund damit 2:1 in Führung bringen. Außerdem den Abstieg verhindern - und dem königsblauen Erzrivalen die sicher geglaubte Meisterschaft entreißen!
Doch Schalke 04 gab sich nicht auf, denn im direkt darauffolgenden Konter hätten die Knappen beinahe den Ausgleich erzielt - nur eine Glanzparade von Roman Weidenfeller hinderte einen eigentlich unhaltbaren Ball von Halil Altintop daran ins Netz zu gehen. Weidenfeller macht den Abstoß und spielt auf Christoph Metzelder ab, der heute zum letzten Mal ein Heimspiel im Signal-Iduna-Park absolviert, da er kommende Saison in Italien spielen wird. Metzelder spielt auf Sebastian Kehl, dieser spielt den Ball zu Florian Kringe, der den Ball gegenüber Lincoln verteidigt und auf Valdez abspielt, der - wie weiland Gerd Müller - in der Drehung auf den Ball eindrischt und Neuer im Tor von Schalke keine Chance lässt: 3:1 für den BVB! Die Fans auf den Sitzplätzen sind inzwischen aufgestanden, liegen sich in den Armen und singen gemeinsam frohe Lieder. Selbst BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke hat ein Lächeln auf den Lippen.
Nur zwei Minuten später wechselte der Dortmunder Trainer den inzwischen leicht angeschlagenen Alexander Frei aus und sorgte mit Martin Amedick für eine Verstärkung der “Betonfraktion” in der Dortmunder Abwehr. In den nächsten 20 Minuten passiert fast nichts, die Dortmunder spielen - wer könnte es ihnen verdenken? - nur noch auf Sicherheit. Erst in der 81. Minute wird es wieder spannend, als Lincoln im Dortmunder Strafraum zum Fall kommt. Ob Schwalbe oder nicht ist egal - der Schiedsrichter entscheidet auf Elfmeter. Den Elfmeter, den Kevin Kuranyi schießt, kann Weidenfeller noch halten, doch aus dem dann folgenden Eckball kann Rafinha ein Tor erzielen. Es steht nur noch 3:2 und es sind noch (mit der Nachspielzeit) über 10 Minuten zu spielen.
Das wieder spannend gewordene Spiel entscheidet sich jedoch erst quasi in der letzten Minute, denn nachdem Jürgen Röber auch noch Markus Brzenska (für Ebi Smolarek) ins Spiel brachte, war klar, daß der BVB jetzt nur noch auf ein Halten des Ergebnisses spielte. In der 93. Minute, der letzten Minute der Nachspielzeit, kommt es zu einem Eckball für die Borussen (den sechsten in dieser Partie), den Nuri Sahin verwandelte. Im darauffolgenden Kopfballduell setzte sich Martin Amedick vom BVB durch und köpfte den Ball zum 4:2 Endstand ins Schalker Tor!
Schwarz-Gelbe Glückseligkeit, Blau-Weiße Trauer
Mit diesem Spiel hat der BVB nicht nur über den Erzrivalen im Revier-Derby gesiegt, sondern ihm auch noch die sicher geglaubte Meisterschale weggeschossen und auch gleichzeitig den eigenen Abstieg verhindert. Kein Wunder also, daß die Fans der Borussia ihre Mannschaft frenetisch feierten und dieses Spiel in die Geschichte des BVB eingehen wird.
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